Lernen wir mit Demenz zu leben – die Betroffenen tun dies auch

Dazu sagt stellvertretend für die gesundheitspolitische Sprecherin der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Marret Bohn, die Abgeordnete der Grünen Landtagsfraktion, Ines Strehlau (24. September 2020):

Liebe Kolleg*innen,

Demenz gehört zum Leben. Gesundheit und Krankheit, das Nachlassen von Fähigkeiten an Körper und Geist; das ist ganz normal. Aktuell leben mehr als 60.000 Menschen in Schleswig-Holstein, die an Demenz erkrankt sind. Bundesweit sind es nach Schätzungen der Alzheimergesellschaft rund 1,6 Millionen. Unter den 65 bis 70-Jährigen liegt die Zahl der Betroffenen unter drei Prozent. Sie steigt mit dem Alter deutlich an. Bei den über 90-Jährigen ist jede*r Dritte betroffen.

In einer älterwerdenden Gesellschaft steigt die Anzahl an dementiell erkrankten Menschen. Darauf müssen wir uns einstellen. Persönlich und gesellschaftlich. Demenz ist nach heutigem Stand nicht heilbar. Das Fortschreiten der Erkrankung kann nur verlangsamt werden. Aber wir können den Umgang mit Menschen, die dement sind, lernen. Das ist ein Ziel der nationalen Demenzstrategie und des Schleswig-Holsteinischen Demenzplans.

Didi Hallervorden machte Demenz mit „Honig im Kopf“ kino- und gesellschaftsfähig. Rudi Assauer bekannte sich ganz offensiv zu seiner Alzheimer Erkrankung. Es hat eine positive Entwicklung in der Wahrnehmung von Demenz gegeben. Das ist gut. Aber wir brauchen auch positive Entwicklungen im alltäglichen Umgang mit Demenz. Da gibt es Nachholbedarf. In der Küstenkoalition wurde der Demenzplan für Schleswig-Hol-stein auf den Weg gebracht. Die Alzheimergesellschaft richtete eine Geschäftsstelle ein und der Plan wurde in einem  partizipativen Prozess von 2013 bis 2015 entwickelt.

Rund 50 Akteur*innen aus allen gesellschaftlichen Bereichen haben daran mitgewirkt und 80 Empfehlungen erarbeitet. Die Landesagentur Demenz hat die Umsetzung des Plans in Schleswig-Holstein übernommen. Das war eine riesige Herausforderung und sie ist großartig bewältig worden. Ich möchte mich bei allen Beteiligten für die fleißige Arbeit und die guten Ergebnisse bedanken.

Heute diskutieren wir den aktuellen Umsetzungsstand. Ich finde, die Ergebnisse können sich sehen lassen. Die Kommunen gehen voran: Allein in Flensburg hat die Fachstelle mehr als 50 Mitarbeitende in Verwaltung, Polizei, ÖPNV, Einzelhandel und Schüler*innen im Umgang mit Demenz geschult. Zum ersten März dieses Jahres ging der aktualisierte „Demenzwegweiser SH“ als Online-Datenbank ins Netz und soll bis Ende dieses Jahres vervollständigt werden. Seit Mai gibt es in allen Kreisen und kreisfreien Städten Pflegestützpunkte, insgesamt an 19 Standorten. Zusätzlich fördert das Land die „Mobile Demenzberatung im ländlichen Raum“, um Lücken in schwer erreichbaren Regionen zu schließen. Auch die Zahl der Demenz-WGs hat weiter zugenommen.

Mit „KIWA-digital“ ist auch die begleitende Beratung ins Netz und damit in die Fläche gegangen. Schulungen und Fortbildungen zum Thema „Umgang mit Demenz“ werden stark nachgefragt. Das gilt für die zweistündige „Demenz-Partner-Schulung“ ebenso wie für die 30-stündige Alltagsunterstützung. Davon brauchen wir mehr.

Sehr gut finde ich, dass auch Fragestellungen zu Migration, rechtlicher Betreuung und Fixierung ihren Platz im Bericht haben. Wir können mit dem Umsetzungsstand des Demenzplans in Schleswig-Holstein sehr zufrieden sein. Menschen mit Demenz gehören zu unserem Alltag, sie bewegen sich im öffentlichen Raum. Deshalb sollten wir alle wissen, wie wir angemessen und rücksichtsvoll mit ihnen umgehen.

Was macht die Busfahrerin, wenn der Fahrgast nach Schilksee möchte, die Linie aber nach Wellsee fährt? Was macht der Verkäufer, wenn die alte Dame nach einer roten Jacke sucht, aber im Schuhgeschäft steht? Wie reagiert die Polizei, wenn sich der ältere Herr weder an seinen Namen, noch an seine Andresse erinnern kann? Wir alle brauchen Information und Aufklärung! Wissen schadet nie. Und wir brauchen wissenschaftliche und medizinische Forschung zu Alzheimer und dementiellen Erkrankungen. Nur so können wir sie hoffentlich im Frühstadium besser erkennen, effektiver behandeln und vielleicht irgendwann einmal auch heilen.

Lernen wir mit Demenz zu leben – die Betroffenen tun dies auch.

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